Olympia-Boykott

    Aus Olympia-Lexikon.de

    Allgemeines

    Frei von politischem Druck waren die Olympischen Spiele von Funktionärs-Seiten praktisch nie, auch nicht in der Antike. Immer wieder gab es Ausschlüsse, Boykottdrohungen und tatsächliches Fernbleiben von den Spielen, die idealerweise der Völkerverständigung dienen sollen.

    Ein Olympiaboykott ist der Entschluss einzelner oder mehrerer Länder, nicht an Olympischen Spielen teilzunehmen. Die modernen Olympischen Spiele sind seit ihrer Erstaustragung 1896 mehrere Male aus politischen Gründen boykottiert worden.

    Boykotts vor dem Zweiten Weltkrieg

    Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die politischen Anlässe zu kleinen Krisen noch verhältnismäßig harmlos, etwa als Präsident Theodore Roosevelt "seinen" Olympiaort St. Louis 1904 wegen der dortigen Weltausstellung durchdrückte, obwohl sich das IOC für Chicago ausgesprochen hatte, oder als sich die amerikanische Mannschaft in London 1908 beim Einmarsch weigerte, ihre Fahne vor König Edward VII. zu senken, weil das Sternenbanner nicht im Stadion aufgezogen worden war, und die finnische Mannschaft "fahnenlos" einmarschierte, weil sie nicht hinter der Flagge des zaristischen Russlands gehen wollte.

    Boykottdrohung 1936

    Die USA wollte Berlin 1936 wegen der Nazis boykottieren, was ihr NOK-Präsident Avery Brundage verhinderte.

    Boykotts des Kalten Krieges

    Die "modernen" Boykotts gegen Olympia mit einem handfesten politischen Hintergrund und zur Durchsetzung vordergründiger Interessen begannen in Helsinki 1952 und endeten erst nach Seoul 1988.

    Traurige Höhepunkte waren sicher Moskau 1980, als die meisten westlichen Länder, darunter auch die Bundesrepublik, die Spiele mieden, und Los Angeles 1984, als die Retourkutsche kam.

    Helsinki

    Helsinki 1952: National-China (Taiwan) blieb den Spielen fern, weil die Volksrepublik China ("Rotchina") eine Einladung bekommen hatte.

    Melbourne

    In Melbourne 1956 begannen die wirklichen politischen Schwierigkeiten. Bedrohliche Weltkrisen beeinträchtigten die Spiele: im Oktober der israelisch-ägyptische Krieg mit britischer und französischer Einmischung, im November der Einmarsch der Sowjets in Budapest zur Niederschlagung des ungarischen Aufstandes. Ägypten, Libanon und Irak sagten die Teilnahme wegen Israel ab; die Niederlande, Spanien und überraschend die Schweiz aus Protest gegen die sowjetische Vorgangsweise. Die VR China fehlte, weil Taiwan nun zugelassen wurde. Es war ein erster echter olympischer Boykott.

    Mexiko City

    In Mexico City 1968 kam die Gefahr für die Spiele aus politischen und sozialen Gründen. Nach Aufnahme Südafrikas in das IOC drohten 40 afrikanische Staaten mit Boykott, Südafrika wurde wieder ausgesperrt. Zwei Monate vor Beginn der Spiele waren die Sowjets in die CSSR einmarschiert, und kurz vor der Eröffnung schlugen Polizei und Militär in Mexico City einen Bürgeraufstand mit 250 Toten blutig nieder. Die Black-Power-Bewegung in den USA drängte schwarze Athleten wegen der Rassendiskriminierung zum Boykott.

    München

    Auch die Spiele in München 1972 hatten mit großem sportpolitischem Ärger begonnen. Weil das IOC Rhodesien, das heutige Zimbabwe, teilnehmen ließ, drohten 40 schwarzafrikanische Staaten wegen der Rassenpolitik in Rhodesien mit der Abreise. Das IOC schloss, zum Ärger seines Präsidenten Avery Brundage, Rhodesien (36:31 Stimmen) wieder aus.

    Montreal

    Auch in Montreal 1976 fehlten die sportpolitischen Querelen nicht. Weil die Kanadier die VR China diplomatisch anerkannt hatten, sollte die "Republik China" (sogenanntes Nationalchina) als "Taiwan" starten und reiste ab. 22 afrikanische Staaten verlangten den Ausschluss Neuseelands, weil deren Rugbymannschaft kürzlich in Südafrika gespielt hatte. Das IOC blieb hart, worauf sich die 22 afrikanischen Staaten zum Boykott entschlossen, was den Wert der Leichtathletik wegen des Fehlens überragender afrikanischer Läufer erheblich minderte.

    Moskau und Los Angeles

    In Moskau hoffte das IOC auf glanzvolle Spiele zum ersten Mal in einem Ostblock-Land. Doch am sportpolitischen Himmel zog zur Jahreswende 1979/80 ein gewaltiges Gewitter auf. Truppen der Sowjetunion waren in das benachbarte Afghanistan einmarschiert, um das dortige Regime im Bürgerkrieg zu stützen.

    US-Präsident Carter forderte einen Boykott der Moskauer Spiele, falls sich die Sowjets nicht bis zum 20. Februar zurückzögen. Als die UdSSR "stur" blieb, baute sich im Westen unter Führung der USA-Regierung eine Boykott-Front auf, die aber von Anfang an nicht fest gefügt war. Selbst US-Sportler sprachen sich heftig gegen Boykott aus, aber die Carter-Administration blieb hart, drohte mit Pass-Entzug und dem Ausland mit wirtschaftlichen Sanktionen. Sie verhinderte erstmals die Olympia-Teilnahme ihrer Mannschaft.

    Auch in anderen Ländern wurde kontrovers diskutiert. Das bundesdeutsche NOK, nach außen hin frei in seiner Entscheidung, sprach sich mehrheitlich für einen Boykott aus, wohl auch unter dem Eindruck einer entsprechenden "Empfehlung" des Deutschen Bundestages. In Großbritannien war die Regierung für den Boykott, die Teilnahme wurde aber letztlich den Sportlern freigestellt. Die meisten Athleten fuhren nach Moskau, wo auch die US-Verbündeten Frankreich, Finnland, Irland, Italien, Neuseeland, Spanien und Schweden starteten.

    65 NOKs von damals 148 vom IOC anerkannten boykottierten schließlich die Spiele in Moskau, darunter die leistungsstarken Mannschaften USA, Bundesrepublik, Kanada, Japan, China, Kenia und Norwegen. 80 Mannschaften starteten, das waren nur zwölf weniger als in Montreal 1976 beim Boykott der Afrikaner.

    Auch der Boykott in Los Angeles 1984 blieb nicht aus. Im Mai 1984 kündigte die UdSSR an, sie würde die Einladung nach Los Angeles ablehnen, "aus Furcht um die Sicherheit ihrer Athleten angesichts der antisowjetischen und antikommunistischen Aktivitäten in den USA".

    Den Fachleuten aber war klar, dass dies eine Revanche für den Moskauer Boykott der USA und einiger ihrer westlichen Verbündeten war. Die Sowjets machten die Drohung wahr, Kuba, Afghanistan, Bulgarien, die CSSR, Äthiopien, die DDR, Ungarn, Laos, Mongolei, Nordkorea, Polen, der Südjemen und Vietnam schlossen sich an. Als einziges Ostblockland startete Rumänien in Los Angeles.

    Seoul

    Im September 1981 hatte das IOC überraschend eindeutig im ersten Wahlgang die Spiele 1988 an die südkoreanische Hauptstadt Seoul (vor dem einzigen Mitbewerber Nagoya/Japan) vergeben, was wegen der politischen Lage in dem geteilten Land sofort weltweite Kontroversen auslöste. Die Ostblockländer unterhielten keine diplomatischen Beziehungen zu Seoul, und man befürchtete erneut starke Boykottbestrebungen. Nordkorea forderte eine gleichwertige Einbeziehung in die Ausrichtung, das IOC gestattete nur einige Wettbewerbe, worauf Nordkorea den Boykott beschloss, dem sich allerdings nur Kuba, Äthiopien, Nicaragua, Albanien und die Seychellen anschlossen.

    Die ersten boykottfreien Spiele

    Nach fünf aufeinander folgenden Olympischen Spielen mit heftigen sportpolitischen Querelen und den letzten vier Spielen mit zum Teil großen Boykotts blieben die Veranstaltungen in Barcelona 1992 und Atlanta 1996 "boykottfrei". Bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 wurden im Vorfeld zunächst Boykott-Überlegungen durch die australischen Ureinwohner geäußert; diese wurden jedoch nicht umgesetzt. 2002 gab es trotz der Tatsache, dass die USA in Afghanistan Krieg führten, keinen Boykott der Olympischen Spiele in Salt Lake City. Lediglich Russland drohte mit Boykott wegen angeblicher Benachteiligungen. 2004 wurde bei den Olympischen Spielen in Athen von einzelnen Mannschaften vielfach mit Boykott gedroht; der iranische Judoka Arash Miresmaeli machte seine Drohung war und trat - aus Protest gegen die israelische Haltung im Nahostkonflikt - nicht zum Duell gegen den Israeli Ehud Vaks an.

    Peking

    Vom 8. bis zum 24. August 2008 fanden die Olympischen Sommerspiele zum ersten Mal in China statt. In Anbetracht der Menschenrechtssituation im Land zog die Wahl Pekings zum Austragungsort jedoch gespaltene Meinungen nach sich. Im Mittelpunkt der Kritik, welche vorwiegend von Menschenrechtsorganistationen geübt wurde, standen die immer noch andauernden Menschenrechtsverletzungen in China. Fokussiert wurden dabei insbesondere der Konflikt Chinas mit Tibet und die Tatsache, dass China das Land der Welt mit den meisten vollstreckten Todesurteilen ist. Im Zuge der Kritik an China gab es im Rahmen des traditionellen Olympischen Fackellaufes um die Welt zahlreiche Proteste, die von einer breiten Öffentlichkeit unterstützt wurden.

    Um mögliche Proteste während der Austragung der Spiele im August zu vermeiden, hat China ca. 100.000 Polizisten eingesetzt, den größten Sicherheitsapparat, der bisher bei Olympischen Spielen zum Einsatz kam.