Turin 2006

    Aus Olympia-Lexikon.de

    20. Olympische Winterspiele

    Vom 10. Februar bis 26. Februar.

    2 633 Athleten (1 006 Frauen und 1 627 Männer) aus 80 Nationen nahmen an 84 olympischen Wettkämpfen in 15 Disziplinen teil. Dies stellte einen neuen Teilnehmerrekord dar. Erstmals bei Winterspielen dabei waren Athleten aus Äthiopien und Madagaskar.

    Programm

    In 15 Disziplinen in sieben Sportarten wurde um Medaillen gekämpft.

    Neu im Programm waren beim Snowboarden Snowboard-Cross, beim Eisschnelllauf die Mannschaftsverfolgung, der Massenstart im Biathlon und der Team-Sprint im Langlauf.

    Austragungsort

    Zum zweiten Mal nach Cortina D'Ampezzo 1956 wurden die Olympischen Winterspiele an Italien vergeben. Turin hatte sich im Wahlgang gegen Helsinki, Klagenfurt, Poprad-Tatry (Slowakei) und Zakopane (Polen) sowie gegen den Favoriten Sion im schweizerischen Kanton Wallis durchsetzen können.

    Nach dem für viele überraschenden Votum gegen Sion wurden Stimmen laut, die von einem Racheakt gegen das Schweizer IOC-Mitglied Marc Hodler sprachen. Hodler hatte mit seinen Enthüllungen den Korruptionsskandal um die Vergabe der Spiele nach Salt Lake City (siehe Salt Lake City 2002 - Austragungsort) ins Rollen gebracht; die Folge war die schwerste Krise des IOC seit dessen Bestehen. In der Schweiz sprach man nach der geheimen Wahl von einer lächerlichen Entscheidung oder gar einem Skandal.

    Die Wahl Turins war jedoch auch aus einem anderen Grund umstritten: Da lediglich vier Sportarten direkt in Turin, die anderen an Orten in einer Entfernung von bis zu 100 km ausgetragen wurden, sprach man bald von einem "Olympia der weiten Wege".

    In Bardonecchia (ca. 90 km von Turin) wurden Snowboard-Veranstaltungen ausgetragen; der bekannte Ski-Weltcup-Ort Sestriere, der ca. 100 km von Turin entfernt liegt, war Austragungsstätte von Ski-Alpin-Wettbewerben. Cesana-Pariol (ca. 80 km von Turin entfernt) wurde als Stätte für die Bob-, Rodel- und Skeleton-Wettkämpfe ausgewählt; in Cesana-San Sicario (ca. 90 km von Turin) fanden die Biathlon-Bewerbe, in San Sicario-Fraiteve Ski-Alpin-Bewerbe statt. In Pinerolo (ca. 45 km von Turin entfernt) befand sich die Curling-Arena. Die Freestyler trugen ihre Bewerber in Sauze d'Oulx ca. 85 km von Turin entfernt aus. In Pragelato (ca. 80 km von Turin) wurden die Langlauf- und die Veranstaltungen der Nordischen Kombinierer durchgeführt.

    Aus diesem Grund gab es auch drei olympische Dörfer - eines direkt in Turin, je ein weiteres in Sestriere und in Bardonecchia.

    Medaillenbilanz

    Im Medaillenspiegel lag am Ende Deutschland mit elf Gold-, zwölf Silber- und sechs Bronze-Medaillen als erfolgreichste Nation vor den USA, die neun goldene, neun silberne und sieben Bronze-Medaillen errangen. Platz drei des Medaillenspiegels belegte Österreich mit neun Gold- und je sieben Silber- und Bronzemedaillen.

    Vergleiche Medaillenspiegel Turin 2006.

    Stars

    Die Stars der Spiele aus deutscher Sicht waren die Biathlethen. Sie holten fünfmal Gold, viermal Silber und zweimal Bronze. Allein Michael Greis gewann drei Goldmedaillen und war damit der zweitbeste Sportler der Spiele.

    Erfolge

    Der erfolgreichste Sportler der Spiele war der südkoreanische Short-Tracker Ahn Hyun-Soo, der dreimal den ersten (über 1500 m, 1000 m und mit der Staffel) und einmal einen dritten Platz (über 500 m) belegte. Der deutsche Biathlet Michael Greis war mit drei Goldmedaillen (20 km, 15 km Massenstart und mit der Staffel) der zweitbeste Sportler der Spiele.

    Erfolgreichste Athletin in Turin war die Short-Track-Läuferin Jin Sun-Yu aus Südkorea, die dreimal Gold (ebenfalls über 1500 m, 1000 m und mit der Staffel) gewinnen konnte.

    Der Österreicher Felix Gottwald gewann in der Nordischen Kombination zweimal Gold und einmal Silber, der italienische Eisschnellläufer Enrico Fabris zweimal Gold und einmal Bronze. Gar fünf Medaillen (1x Gold, 1x Silber, 3x Bronze) konnte sich die kanadische Eisschnellläuferin Cindy Klassen sichern. Als erstem Bobfahrer seit Wolfgang Hoppe bei den Winterspielen von Sarajevo 1984 gelang es André Lange aus Deutschland, die Goldmedaille sowohl im Zweier- als auch im Viererbob zu gewinnen.

    Bei zwei Entscheidungen gewannen Sportler aus demselben Land alle drei Medaillen: Im Einsitzer-Rodel-Bewerb der Damen gingen Gold, Silber und Bronze an Deutschland; im Slalom der Herren gewannen drei Österreicher. In anderer Hinsicht bemerkenswert war die Silbermedaille für die amerikanische Snowboarderin Lindsey Jacobellis. Sie vergab ihre sichere Goldmedaille durch einen übermütigen Griff an das Board und landete nach dem Sturz nur auf Platz zwei.

    Skandale

    Bei den Spielen in Turin wurden die schärfsten Doping-Kontrollen der Geschichte durchgeführt. Hinzu kam, daß Dopingvergehen in Italien ein Offizialdelikt sind.

    Schon vor den Spielen wurde der brasilianische Bobfahrer dos Santos wegen Nandrolon-Dopings überführt. Gegen die deutsche Langläuferin Evi Sachenbacher-Stehle wurde zu Beginn der Spiele wegen eines erhöhten Hämoglobinwerts eine dreitägige Schutzsperre verhängt; sie durfte jedoch, nachdem eine weitere Dopingprobe negativ war, wieder starten und gewann mit der Staffel Silber.

    Der russischen Biathletin Olga Pylewa, die im Einzelrennen Silber gewonnen hatte, wurde wegen Dopings mit dem verbotenen Mittel Carphedon nach drei Tagen ihre Medaille wieder aberkannt und eine zweijährige Sperre gegen sie verhängt. Noch während der Spiele erklärte Pylewa ihren Rücktritt.

    Im schlechten Sinne spektakulär war eine groß angelegte Hausdurchsuchung im Quartier der österreichischen Langläufer und Biathleten. Dabei wurden über 100 Spritzen, 30 Schachteln mit Medikamenten und diverse Apparate für Bluttests und Transfusionen gefunden. Anlass für dieses Vorgehen war die Anwesenheit des österreichischen Langlauftrainers Mayer, der seit den Spielen in Salt Lake City 2002 wegen der "Blutbeutel-Affäre" für Olympia gesperrt war. Biathleten und Langläufer des österreichischen Teams mussten sich einer nächtlichen Dopingprobe unterziehen. Zwei österreichische Biathleten sowie Langlauftrainer Mayer entzogen sich durch Flucht; Mayer rammte dabei in Kärnten ein Polizeiauto, bevor er festgenommen werden konnte. Die Biathleten wurden wegen unerlaubten Entfernens aus dem Team ausgeschlossen. Die Dopingproben aller getesteten österreichischen Sportler waren, wie das IOC bekannt gab, negativ; die italienische Staatsanwaltschaft setzte die Untersuchungen jedoch fort.

    Fazit

    Die Olympischen Winterspiele in Turin boten hochklassige Wettbewerbe - häufig jedoch vor leeren Rängen. Aufgrund der weiten Wege und der hohen Eintrittspreise blieben die Zuschauer den Wettkämpfen fern, so dass vor Ort oft keine Stimmung aufkam. Entgegen den Erwartungen gelang es den Veranwortlichen, alle Wettkampfstätten rechtzeitig vor Beginn der Spiele fertig zu stellen; Bauschutt gab es lediglich im Umfeld.

    Vor Probleme sah man sich auch durch das winterliche Wetter gestellt: Einige Ski Alpin-Wettbewerbe mussten aufgrund von Schneefall verschoben oder abgesagt werden; die Durchführung des Biathlon und der Bob-Wettkämpfe wurde massiv erschwert.

    Durch das konsequente Vorgehen gegen Doping versuchte das IOC das Ansehen der Spiele wieder herzustellen; die strenge und kompromisslose Haltung gegenüber Doping-Sündern scheint sich endlich auch in den meisten Nationalen Kommitees durchgesetzt zu haben, was auf eine "sauberere" Zukunft der Spiele hoffen lässt.